
Es ist ein hartnäckiges Problem: Frauen verdienen in Österreich noch immer deutlich weniger als Männer. Der sogenannte Gender Pay Gap - die geschlechtsspezifische Lohnlücke - hält sich seit Jahren, auch wenn er langsam kleiner wird. Doch wie groß ist der Unterschied 2026 wirklich, woran liegt er, und was lässt sich dagegen tun? Ein Überblick mit aktuellen Zahlen.
- Der Gender Pay Gap in Österreich liegt bei 17,6 Prozent (Bruttostundenverdienst, aktuellste Daten für 2024)
- Damit liegt Österreich deutlich über dem EU-Schnitt von 11,1 Prozent
- Der Abstand schrumpft, aber sehr langsam - in diesem Tempo wäre echte Lohngleichheit erst um 2043 erreicht
- Hauptursachen sind Teilzeit, die Branchenwahl und unbezahlte Care-Arbeit
Wie groß ist der Gender Pay Gap in Österreich?
Die aktuellste Zahl von Statistik Austria und Eurostat: Der Gender Pay Gap in Österreich lag zuletzt (für das Jahr 2024) bei 17,6 Prozent. Gemeint ist damit die Differenz zwischen den durchschnittlichen Bruttostundenverdiensten von Frauen und Männern in Unternehmen der Privatwirtschaft mit zehn und mehr Beschäftigten. Anders gesagt: Für jeden Euro, den ein Mann pro Stunde verdient, bekommt eine Frau im Schnitt nur rund 82 Cent.
Im europäischen Vergleich steht Österreich schlecht da: Der EU-Schnitt (EU-27) liegt bei nur 11,1 Prozent. Österreich gehört damit zu den Ländern mit den größten Lohnlücken in der Europäischen Union.
Zwei verschiedene Messgrößen
Beim Gender Pay Gap kursieren unterschiedliche Zahlen - das liegt an zwei verschiedenen Berechnungsarten:
- Bruttostundenverdienst (EU-Indikator): Diese Messgröße vergleicht die Stundenlöhne und ergibt für 2024 die genannten 17,6 Prozent. Sie ist international vergleichbar.
- Bruttojahreseinkommen: Betrachtet man nur ganzjährig vollzeitbeschäftigte Frauen und Männer, fällt der Unterschied kleiner aus - hier lag die Differenz zuletzt bei rund 11,6 Prozent. Das mittlere Bruttojahreseinkommen vollzeiterwerbstätiger Frauen betrug etwa 51.261 Euro, jenes der Männer rund 57.955 Euro.
Der Unterschied zwischen beiden Werten zeigt bereits einen Kern des Problems: Rechnet man Teilzeit heraus, schrumpft die Lücke - denn viele Frauen arbeiten Teilzeit, und das drückt ihr Gesamteinkommen massiv.
Der Equal Pay Day: Wenn Frauen „gratis” arbeiten
Anschaulich macht die Lohnlücke der Equal Pay Day. Er markiert jenen Tag, bis zu dem Frauen rechnerisch „gratis” arbeiten, weil Männer bis dahin bereits so viel verdient haben, wie Frauen erst am Jahresende. Bei einer Lücke von rund 17 Prozent bedeutet das: Frauen arbeiten umgerechnet über 40 Tage im Jahr ohne Bezahlung. Der Aktionstag wird jedes Jahr genutzt, um auf das Thema aufmerksam zu machen.
Warum verdienen Frauen weniger? Die Ursachen
Der Gender Pay Gap hat viele Gründe - und nur ein Teil davon lässt sich statistisch „erklären”. Eine Analyse von Statistik Austria zeigt: Nur etwa ein Drittel der Lohnlücke lässt sich durch messbare Faktoren wie Branche, Beruf, Alter, Ausbildung oder Arbeitszeit erklären. Die restlichen zwei Drittel bleiben unerklärt - dahinter stehen strukturelle Benachteiligungen und teils schlicht Diskriminierung. Die wichtigsten Ursachen im Detail:
- Teilzeitfalle: Frauen arbeiten weit häufiger Teilzeit als Männer - meist wegen Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen. Teilzeit bedeutet nicht nur weniger Einkommen, sondern auch geringere Aufstiegschancen und niedrigere Pensionen.
- Branchen- und Berufswahl: Typische „Frauenbranchen” wie Handel, Pflege, Reinigung oder soziale Berufe sind oft schlechter bezahlt als technische oder industrielle Bereiche, in denen mehr Männer arbeiten.
- Unbezahlte Care-Arbeit: Kinderbetreuung, Pflege und Hausarbeit werden überwiegend von Frauen geleistet - unbezahlt. Diese Zeit fehlt für Erwerbsarbeit und Karriere.
- Gläserne Decke: In Führungspositionen und gut bezahlten Spitzenjobs sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert.
- Verhandlung und Transparenz: Wo Gehälter intransparent sind, lassen sich Ungleichheiten leichter fortschreiben.
Es bewegt sich etwas - aber langsam
Die gute Nachricht: Der Gender Pay Gap wird kleiner. Zwischen 2010 und 2024 ist er um mehr als 6 Prozentpunkte gesunken, zuletzt Jahr für Jahr um kleine Beträge. Die schlechte Nachricht: In diesem Tempo würde echte Lohngleichheit erst um das Jahr 2043 erreicht - also erst in rund zwei Jahrzehnten.
Impulse kommen unter anderem aus der EU: Die EU-Richtlinie zur Lohntransparenz verpflichtet Unternehmen künftig, Gehälter offenzulegen und über Verdienstunterschiede zu informieren. Transparenz gilt als eines der wirksamsten Mittel gegen ungleiche Bezahlung, weil sie Lohnlücken sichtbar und damit angreifbar macht.
Was jede Einzelne tun kann
So sehr der Gender Pay Gap ein strukturelles Problem ist - ein paar Ansatzpunkte gibt es auch auf individueller Ebene:
- Gehalt verhandeln: Frauen fordern in Gehaltsverhandlungen im Schnitt weniger - wer den eigenen Marktwert kennt und selbstbewusst auftritt, holt mehr heraus. Online-Gehaltsrechner geben Orientierung.
- Karenz partnerschaftlich teilen: Wenn sich beide Elternteile die Kinderbetreuung teilen, verteilt sich auch die Erwerbslücke gleichmäßiger.
- Pension im Blick behalten: Wer lange Teilzeit arbeitet, sollte die Auswirkungen auf die spätere Pension kennen und gegebenenfalls vorsorgen.
- Transparenz einfordern: Fragen zur Gehaltsstruktur im Unternehmen sind legitim - und schaffen Bewusstsein.
Weiterführende Beiträge zu Beruf, Geld und Vorsorge finden Sie in unserer Rubrik Beruf & Karriere. Aktuelle offizielle Zahlen veröffentlicht Statistik Austria.
Fazit
Mit 17,6 Prozent Lohnlücke bleibt Österreich beim Thema Lohngerechtigkeit ein Nachzügler in Europa. Die Ursachen sind vielschichtig und tief in Arbeitsmarkt und Rollenbildern verankert - von der Teilzeitfalle über die unbezahlte Care-Arbeit bis zur gläsernen Decke. Dass sich der Abstand verringert, ist ermutigend; dass es in diesem Tempo noch bis in die 2040er dauern würde, zeigt aber, wie viel noch zu tun ist. Mehr Lohntransparenz, eine partnerschaftliche Aufteilung von Betreuungsarbeit und ein selbstbewusster Umgang mit dem eigenen Gehalt sind wichtige Hebel auf dem Weg zu echter Gleichstellung.
Stand: Juli 2026. Datenquelle: Statistik Austria / Eurostat, aktuellste verfügbare Werte für das Jahr 2024.