
Was Frauen in Österreich verdienen, lässt sich nicht in eine einzige Zahl pressen, aber die Statistik liefert klare Anhaltspunkte. Bei den ganzjährig Vollzeitbeschäftigten lag das mittlere Bruttojahreseinkommen der Frauen 2023 bei rund 47.154 Euro, jenes der Männer bei 53.694 Euro. Schon dieser Vergleich zeigt: Selbst bei gleichem Beschäftigungsausmaß verdienen Frauen im Median deutlich weniger. Wer sein eigenes Gehalt einordnen oder eine Gehaltsverhandlung vorbereiten will, sollte die Gründe dahinter kennen, statt sich auf eine grobe Faustregel zu verlassen.
Die wichtigsten Zahlen im Überblick
Der bekannteste Wert ist der Gender Pay Gap. Laut Eurostat lag er in Österreich 2024 bei 17,6 Prozent und damit deutlich über dem EU-Schnitt von 11,1 Prozent. Das bedeutet: Pro geleisteter Arbeitsstunde verdienten Frauen im Schnitt um 17,6 Prozent weniger als Männer. Immerhin geht die Entwicklung in die richtige Richtung, denn 2014 betrug der Abstand noch 22,2 Prozent.
Wichtig ist, zwei Perspektiven auseinanderzuhalten. Der Stundenlohn-Vergleich (Gender Pay Gap) misst den Unterschied pro Arbeitsstunde. Betrachtet man dagegen das Jahreseinkommen aller Beschäftigten, fällt der Abstand noch größer aus, weil viele Frauen Teilzeit arbeiten und dadurch aufs Jahr gerechnet weniger nach Hause bringen. Bei den ganzjährig Vollzeitbeschäftigten schrumpft der Unterschied im Median auf rund 12 Prozent. Je nachdem, welche Kennzahl zitiert wird, entsteht also ein anderes Bild, obwohl beide korrekt sind.
Warum Frauen weniger verdienen
Ein Teil des Unterschieds lässt sich mit messbaren Faktoren erklären, ein größerer Teil nicht. In einer detaillierten Analyse konnte etwa ein Drittel des Abstands konkreten Ursachen zugeordnet werden. Die wichtigsten davon:
- Die Branche: Frauen arbeiten häufiger in Wirtschaftszweigen mit niedrigerem Lohnniveau, etwa im Handel, in der Pflege oder in sozialen Berufen. Der Branchenunterschied erklärt einen der größten Einzelanteile.
- Das Beschäftigungsausmaß: Teilzeit ist bei Frauen weit verbreitet, oft wegen Kinderbetreuung. Teilzeitkräfte werden pro Stunde tendenziell schlechter bezahlt und steigen seltener auf.
- Der Beruf und die Position: Führungspositionen sind seltener mit Frauen besetzt, und typische Frauenberufe sind im Schnitt geringer entlohnt.
- Die Betriebszugehörigkeit: Unterbrechungen durch Karenz und Kinderbetreuung führen zu kürzeren Dienstzeiten und damit zu geringeren Vorrückungen.
Der weitaus größere Teil des Abstands bleibt allerdings unerklärt. Genau dieser unerklärte Rest gilt als Hinweis auf strukturelle Benachteiligung und offene oder verdeckte Diskriminierung. Mehr zu den Hintergründen lesen Sie in unserem Beitrag zum Gender Pay Gap in Österreich.
Was einzelne Berufe konkret bringen
Pauschale Gehaltstabellen führen leicht in die Irre, weil das tatsächliche Einkommen von Bundesland, Berufserfahrung, Kollektivvertrag und Betriebsgröße abhängt. Ein Beispiel aus einem typischen Frauenberuf zeigt die Bandbreite: Im Einzelhandel liegt das Bruttomonatsgehalt bei Vollzeit je nach Bundesland und Dienstjahren etwa zwischen 1.363 und 2.272 Euro. Zwischen Einstieg und langjähriger Erfahrung liegen also erhebliche Sprünge.
Wer verlässliche Werte für einen konkreten Beruf sucht, nutzt am besten den AMS-Gehaltskompass. Das offizielle Werkzeug zeigt für rund 1.800 Berufe die durchschnittlichen Einstiegsgehälter, jeweils auf Basis der geltenden Kollektivverträge. So lassen sich realistische Erwartungen bilden, bevor es in die Bewerbung oder ins Gehaltsgespräch geht. Verlassen Sie sich nicht auf Schätzwerte aus dem Bauch heraus, sondern gleichen Sie Ihr Gehalt mit den Kollektivvertrags- und Marktwerten ab.
Was die Höhe Ihres Gehalts wirklich bestimmt
Neben Branche und Beruf entscheiden mehrere Stellschrauben über das konkrete Einkommen. Die Ausbildung ist eine der wichtigsten: Mit Matura, Fachausbildung oder Studium steigen die Einstiegsgehälter spürbar. Auch die Region spielt eine Rolle, weil die Lohnniveaus zwischen den Bundesländern schwanken und in Ballungsräumen oft höher liegen. Dazu kommen Berufserfahrung, Verantwortung und die Frage, ob ein anwendbarer Kollektivvertrag ein Mindestgehalt garantiert.
Ein oft unterschätzter Punkt ist die Verhandlung selbst. Studien zeigen, dass Frauen seltener und weniger fordernd über ihr Gehalt verhandeln als Männer. Wer gut vorbereitet in das Gespräch geht, mit Marktdaten aus dem Gehaltskompass, mit konkreten Leistungen und einer klaren Zielvorstellung, holt in vielen Fällen mehr heraus. Wichtig ist außerdem, nicht nur auf das Bruttogehalt zu schauen, sondern auf das Gesamtpaket aus Zulagen, Sonderzahlungen, Weiterbildungsangeboten und flexibler Arbeitszeit.
Ihre Rechte: Mehr Gehaltstransparenz kommt
Beim Thema Gehalt sind Frauen künftig nicht mehr auf Vermutungen angewiesen. Schon heute müssen Stellenausschreibungen das kollektivvertragliche Mindestentgelt nennen, und Unternehmen ab 150 Beschäftigten sind verpflichtet, alle zwei Jahre einen Einkommensbericht zu erstellen, der die Gehälter von Frauen und Männern gegenüberstellt. Diese Berichte bleiben bislang weitgehend intern.
Das ändert sich mit der EU-Entgelttransparenzrichtlinie, die Österreich bis 7. Juni 2026 in nationales Recht umsetzen muss, voraussichtlich als Ergänzung des Gleichbehandlungsgesetzes. Sie erweitert die Rechte deutlich: Alle Beschäftigten erhalten ein Auskunftsrecht über die durchschnittlichen Gehaltsniveaus für gleiche oder gleichwertige Tätigkeiten, aufgeschlüsselt nach Geschlecht. Berichtspflichten greifen künftig schon ab 100 Beschäftigten, und Gehaltsspannen sollen bereits im Bewerbungsprozess offengelegt werden. Für Frauen bedeutet das eine stärkere Verhandlungsposition, weil sich Ungleichbehandlung leichter belegen lässt. Wer den Verdacht hat, unter Wert bezahlt zu werden, kann sich kostenlos an die Gleichbehandlungsanwaltschaft oder die Arbeiterkammer wenden.
Der lange Schatten bis zur Pension
Das Gehalt bestimmt nicht nur das monatliche Auskommen, sondern auch die spätere Pension. Weil Beiträge einkommensabhängig sind, wirken sich niedrigere Gehälter, Teilzeit und Karenzzeiten bis ins Alter aus. Der Gender Pay Gap setzt sich als Gender Pension Gap fort, und dieser fällt in Österreich sogar noch größer aus. Wer früh auf Weiterbildung, möglichst durchgehende Beschäftigung und faire Bezahlung achtet, sichert damit auch die eigene Altersvorsorge. Modelle wie die Altersteilzeit können den Übergang in die Pension zusätzlich abfedern, ändern aber nichts am grundlegenden Einkommensunterschied.
So gehen Sie Ihr eigenes Gehalt an
Aus den Zahlen lassen sich einige praktische Schritte ableiten. Verschaffen Sie sich zuerst einen realistischen Überblick über den marktüblichen Wert Ihres Berufs, idealerweise über den AMS-Gehaltskompass und den einschlägigen Kollektivvertrag. Prüfen Sie, ob Ihr aktuelles Gehalt darunter liegt, und sammeln Sie Argumente aus Ihren konkreten Aufgaben und Erfolgen. Nutzen Sie regelmäßige Anlässe wie Jahresgespräche oder den Wechsel in eine neue Funktion für die Verhandlung. Und behalten Sie im Blick, dass Weiterbildung und der Schritt aus einem gering entlohnten Bereich heraus oft mehr bringen als jede einzelne Gehaltsrunde.
Stand: 2026. Angaben ohne Gewähr. Die genannten Werte sind statistische Mittel und Bandbreiten; Ihr individuelles Gehalt kann davon deutlich abweichen. Verbindliche Auskünfte zu Kollektivverträgen und Mindestgehältern geben die Arbeiterkammer und die zuständige Gewerkschaft.
Quellen: Statistik Austria: Einkommen und Gender Pay Gap, AMS-Gehaltskompass und karriere.at: Gehalt Einzelhandel.